Vom Tragen der Medienbrille
Friday, May 28th, 2010Das Vertrauen der Schweizerinnen und Schweizer in den Bundesrat ist mittelmässig und im vergangenen Jahr signifikant gesunken. Das Vertrauen in die Medien andererseits ist signifikant gestiegen, aber immer noch niedrig. Was heisst das?
Die eben publizierte ETH Studie „Sicherheit 2010“ gibt unter anderem Einblick ins Vertrauen, das die landesweit 1200 befragten Personen in verschiedene Schweizer Institutionen setzen. Dabei fällt auf, dass den Medien zwar deutlich mehr vertraut wird als 2009, sie aber wie immer über die letzten 15 Jahre am Schluss der Vertrauensrangliste stehen.
Zwei Punkte dazu dünken mich bemerkenswert:
1. Aufgrund der Feststellung, dass in der Bevölkerung Misstrauen gegenüber den Medien herrscht, müsste eigentlich viel Kritik an ihnen geäussert werden. Davon spüre ich aber nichts. Weder in der Öffentlichkeit noch in den Medien selbst (vgl. zu Letzterem auch den Artikel „Das Land ohne Konsequenzen“ von Peter Hossli).
2. Bei der Frage nach dem Vertrauen in die Institutionen antworten die Leute nach ihrem Bauchgefühl. Das wiederum wird sehr stark beeinflusst durch – jawohl, die Medien. Denn nur die wenigsten unter uns nehmen die Arbeit beispielsweise des Bundesrates direkt zur Kenntnis, sondern stellen bei Ihrer Meinungsbildung auf die entsprechenden Sachberichte und qualifizierenden Kommentare in den Medien ab. Die schlecht bewerteten Medien beeinflussen daher die Wertung der übrigen Institutionen direkt. Die Befragten wie auch die Fragenden akzeptieren diesen Zusammenhang offenbar ohne Reflexion.
Das Fazit daraus kann nur heissen, dass die Medien gar nicht so wenig Vertrauen geniessen, wie die Befragten dies uns (und sich selber) weismachen wollen. Und es heisst auch, dass die Frage nach dem Vertrauen in die Medien eigentlich nicht auf der gleichen Ebene gestellt werden darf wie die Frage nach dem Vertrauen in die übrigen Institutionen.
Immerhin: Dass den Medien als abstraktes Gebilde, wie sie in der Studie dargestellt sind, mit einer Portion Misstrauen begegnet wird, ist auch ein positives Zeichen. Es deutet nämlich an, dass die Medienkonsumenten doch irgendwie spüren, dass sie durch die Brille der Medien auf das Geschehen blicken. Und diese kritisch zu beurteilen kann nicht schaden.



